Der konventionelle Raum des menschlichen Lebens
Wo können wir tatsächlich leben?
Die Erde ist unser Planet. Es scheint offensichtlich, dass wir auf ihr leben können — schließlich tun wir das seit Hunderttausenden von Jahren. Doch wenn wir eine präzisere Frage stellen: Wie groß ist der tatsächliche Raum, in dem Menschen ohne komplexe lebenserhaltende Systeme leben und arbeiten können, wird die Antwort deutlich weniger offensichtlich.
Es geht hier nicht um Orte, die Menschen nur gelegentlich aufsuchen — Höhenrekorde, Tiefseetauchgänge oder unterirdische Erkundungen. Es geht um den Raum, in dem die menschliche Biologie unabhängig funktioniert, ohne eine technologische Prothese der Umwelt.
Biologische Grenzen des Funktionierens
Der Mensch ist keine universelle Konstruktion. Unser Körper arbeitet nur innerhalb eines engen Bereichs von Bedingungen: Temperatur, Druck, Zusammensetzung der Atmosphäre und Zugang zu Sauerstoff. Das Überschreiten dieser Grenzen erfordert Technologie — von einfachen Hilfsmitteln bis hin zu komplexen lebenserhaltenden Systemen.
Nehmen wir funktionale, biologische Grenzen des vertikalen Lebensraums an:
+5,5 km über dem Meeresspiegel — die obere Grenze, bei der Menschen ohne Atemgeräte leben und arbeiten können. Dies ist keine Rekordhöhe, sondern eine praktische Grenze dauerhaften Funktionierens. Es gibt menschliche Siedlungen in solchen Höhen; Menschen werden dort geboren, wachsen auf und arbeiten.
−1 km unter der Landoberfläche — die praktische Grenze für Arbeit ohne aktive Belüftungs- und Kühlsysteme. Tiefer als das erfordern Temperaturanstieg und fehlende natürliche Luftzirkulation technische Infrastruktur.
Zusammen: etwa 6,5 km vertikal biologisch zugänglicher Raum.
Diese Annahmen sind vereinfacht, beruhen jedoch auf realen physiologischen Einschränkungen und nicht auf willkürlichen Rekorden oder außergewöhnlichen Leistungen.
Was wir ausschließen — und warum das wichtig ist
Wasser
Das Innere von Meeren und Ozeanen wird in diesem Modell vom Lebensraum ausgeschlossen, da Menschen unter Wasser ohne lebenserhaltende Ausrüstung nicht funktionieren können. Im Gegensatz dazu erfüllt der Luftraum über den Ozeanen — von der Oberfläche bis etwa 5,5 km Höhe — dieselben atmosphärischen Kriterien wie der Raum über Land. Ein Mensch auf einem Floß, einem Boot oder einer Plattform atmet genauso frei wie in der Wüste.
Nicht weil wir nicht tauchen könnten — natürlich können wir das. Aber:
- Wir atmen nicht unter Wasser
- Wir bewegen uns dort nicht frei
- Wir können dort nicht dauerhaft arbeiten, bauen oder leben
Wasser ist eine biologisch inkompatible Umgebung. Selbst flaches Tauchen ist nur eine vorübergehende Erkundung, kein Leben. Bereits nach wenigen Dutzend Sekunden unter der Oberfläche benötigen Menschen Ausrüstung. Daher schließen wir das Volumen des Wassers aus, nicht den Raum darüber.
Die Pole
Polargebiete funktionieren in der Praxis als extreme Umgebungen, in denen Menschen stets technische Infrastruktur benötigen. Das bedeutet nicht, dass Menschen dort nicht hingehen — selbstverständlich gibt es Forschungsstationen und Expeditionen. Doch es ist die Technologie, die dort Leben ermöglicht, nicht die natürlichen Bedingungen.
Zur Vereinfachung der Berechnungen werden Polargebiete als Grenze des biologisch kompatiblen Raums behandelt. Dies ist keine geopolitische oder geografische Bewertung — sondern eine physiologische Beobachtung.
Wüsten, Taiga, Dschungel
Es könnte so erscheinen, dass wir — wenn wir die Pole ausschließen — vielleicht auch die Sahara, die sibirische Taiga oder den amazonischen Dschungel ausschließen sollten. Nein.
Zugänglichkeit bedeutet weder Komfort noch Umweltfreundlichkeit. Sie bedeutet ausschließlich die biologische Möglichkeit, ohne technologische Prothese der Umwelt zu leben und zu arbeiten.
In der Sahara leben Menschen. In der Taiga leben Menschen. Im Amazonasgebiet leben Menschen. Sie leben dort ohne Klimaanlagen, ohne Hermetisierung, ohne Atemgeräte. Die Bedingungen sind hart, aber die Biologie kommt mit ihnen zurecht. Das ist keine Bewertung der Lebensqualität — es ist die Übereinstimmung mit der menschlichen Physiologie.
Unbewohnte Gebiete sind nicht gleichbedeutend mit biologisch unzugänglichen Gebieten.
Die Schicht des Lebens und die Schicht des Funktionierens
Auch wenn die Grenzen von +5,5 km nach oben und −1 km nach unten noch keine lebenserhaltenden Systeme erfordern, bedeutet das nicht, dass sie der natürliche Raum des täglichen menschlichen Funktionierens sind.
Der reale Lebensraum des Menschen auf der Erde liegt in einer Schicht von etwa 0 bis 2 Metern über der Bodenoberfläche. In ihr:
- gehen wir
- schlafen wir
- arbeiten wir
- atmen wir
- funktionieren wir ohne technologische Vermittlung
Alles außerhalb davon ist bereits eine technologische Erweiterung.
Man kann auf einen Baum klettern — das sind ein paar Meter.
Man kann einen Turm bauen — das sind Hunderte von Metern.
Man kann in ein Bergwerk hinabfahren — das sind Hunderte von Metern nach unten.
Doch jede Entfernung von dieser dünnen Schicht erfordert zunehmend komplexe Technologie, um das Funktionieren zu ermöglichen:
- Einige bis einige Dutzend Meter → Gebäude, Konstruktionen
- Hunderte von Metern → Aufzüge, Installationen, Tragsysteme
- Kilometer nach unten → Belüftung, Kühlung, Transport
- Kilometer nach oben → Hermetisierung, Druckkontrolle, Umweltkontrolle
Je näher wir den biologischen Grenzen kommen (5,5 km nach oben, 1 km nach unten), desto mehr hört Technologie auf, eine Unterstützung zu sein — und wird zur Voraussetzung des Überlebens.
Die Grenze zwischen einer „natürlich kompatiblen“ und einer „technologisch aufrechterhaltenen“ Umwelt ist keine scharfe Linie, sondern ein kontinuierlicher Übergang. Gebäude, Schiffe und Bergwerke kompensieren die Bedingungen. Raumanzüge und Sauerstoffgeräte ersetzen die Umwelt.
Die Frage nach dem Volumen
Mit diesen biologischen Grenzen — +5,5 km nach oben (über Land und Ozeanen), −1 km nach unten unter der Landoberfläche, unter Ausschluss des Wasservolumens und der Polarregionen — können wir eine einfache geometrische Frage stellen:
Welches Volumen in Kubikkilometern hat dieser Lebensraum im Vergleich zur gesamten Erde?
Das ist keine philosophische Frage. Es ist eine rechnerische. Und die Antwort ist überraschend.
Zu den Grenzen der Vereinfachung
Natürlich ließe sich dieses Modell weiter verfeinern. In der Realität hängen die biologisch zugänglichen Grenzen von lokalen Bedingungen ab: von der Art des Bodens, der Verfügbarkeit natürlicher Belüftung, der Stabilität des Untergrunds oder der Nähe zu Wasser. Schon wenige Dutzend Meter von der Küstenlinie entfernt ist es ohne fortgeschrittene Infrastruktur nicht mehr möglich, einen kilometerlangen Schacht auszuheben. In bestimmten Tiefen zirkuliert die Luft nicht mehr natürlich, und die Temperatur erzwingt aktive Kühlung. Ähnlich verhält es sich mit den Polarregionen — ihr Ausschluss ergibt sich nicht aus der Geometrie des Planeten, sondern aus der menschlichen Physiologie und der Notwendigkeit ständiger technologischer Unterstützung.
All diese Nuancen werden hier bewusst ausgelassen. Uns interessiert an dieser Stelle die erste Näherung: der globale Maßstab des biologisch kompatiblen Lebensraums des Menschen.
Das Thema des Raums, in dem der Mensch auf der Erde funktionieren kann, erweist sich als so breit und überraschend, dass ich in einem zukünftigen Artikel darauf zurückkommen werde.
Teil 2: Berechnungen
Das Volumen der Erde
Die Erde ist eine Kugel mit einem Radius von etwa 6.371 km. Ihr Volumen berechnen wir mit der Formel für das Kugelvolumen:
V = (4/3) × π × r³
V = (4/3) × π × 6371³ ≈ 1,083 Billionen km³
Dies ist das vollständige Volumen des Planeten — vom Kern bis zu den oberen Schichten der Atmosphäre. Das Ganze.
Das Volumen des Lebensraums
Nun berechnen wir das Volumen des biologisch zugänglichen Raums. Dabei handelt es sich nicht um eine einfache Schicht auf der Oberfläche — sondern um eine Kombination mehrerer geometrischer Elemente.
Rechenannahmen
- Oberfläche der Erde: ~510 Millionen km²
- Landfläche: ~149 Millionen km² (29,2 %)
- Ozeanfläche: ~361 Millionen km² (70,8 %)
- Polarregionen (Näherung): ~28 Millionen km² (5,5 % der Erdoberfläche)
- Landfläche ohne Polarregionen: ~121 Millionen km²
- Ozeanfläche ohne Polarregionen: ~333 Millionen km²
- Erdoberfläche ohne Polarregionen: ~482 Millionen km²
Vertikaler Bereich: +5,5 km nach oben, −1 km nach unten unter Land
Schicht über der Oberfläche (+5,5 km)
Luft ist überall verfügbar — über Land wie über den Ozeanen. Ein Mensch atmet auf einem Floß mitten im Pazifik genauso frei wie in der Wüste. Deshalb berücksichtigen wir den Luftraum über der gesamten Erdoberfläche (unter Ausschluss der Polarregionen).
Volumen der +5,5-km-Schicht über Land und Ozeanen (ohne Polarregionen):
V_oben = 482 Millionen km² × 5,5 km = 2.651 Millionen km³
Schicht unter der Oberfläche (−1 km)
Der unterirdische Raum existiert nur unter Landflächen, nicht unter den Ozeanen (der Meeresboden ist biologisch nicht zugänglich).
V_unten = 121 Millionen km² × 1 km = 121 Millionen km³
Gesamtes Volumen des Lebensraums
V_Leben = 2.651 + 121 = 2.772 Millionen km³
Gerundet: ~2,77 Milliarden km³
Verhältnis
Nun können wir berechnen, welchen Prozentsatz des Erdvolumens dieser Lebensraum ausmacht:
(2.772 Millionen km³) / (1.083.000 Millionen km³) × 100 % = 0,256 %
Der Lebensraum des Menschen umfasst etwa 0,26 % des Erdvolumens.
Oder anders gesagt: etwa ein Viertelprozent.
Oder noch anders: etwa 1/390 des Planetenvolumens.
Plausibilitätsprüfung
Diese Zahlen wirken abstrakt, daher lohnt es sich zu prüfen, ob sie plausibel sind:
- Radius der Erde: 6.371 km
- Dicke der Lebensschicht: 6,5 km
- Verhältnis: 6,5 / 6.371 ≈ 0,1 %
Unser Ergebnis (0,26 %) ist etwas höher, da wir die Schicht über der gesamten Erdoberfläche ohne die Pole berücksichtigen — nicht nur über Land. Wäre die Erde eine Kugel mit einem Radius von 1 Meter, dann entspräche der Lebensraum einer etwa 1 Millimeter dicken Schicht — ausgedehnt über Land und Ozeane, aber nur dort unter die Oberfläche reichend, wo es Land gibt.
Was das in der Praxis bedeutet
2,77 Milliarden Kubikkilometer klingen nach viel. Doch im Maßstab des Planeten ist es weiterhin nur ein Bruchteil eines Prozents.
Die gesamte menschliche Zivilisation — alle Städte, Gebäude, Infrastrukturen, Arbeitsplätze, Wohnungen, Krankenhäuser, Fabriken, Straßen und Ackerflächen — befindet sich in dieser dünnen Schicht. Nicht, weil wir uns so entschieden hätten, sondern weil wir nirgendwo sonst normal funktionieren können.
Jeder Schritt nach unten, jeder Schritt nach oben, jedes Eintauchen ins Wasser erfordert Technologie. Und je weiter wir uns von dieser Schicht entfernen, desto komplexer wird sie.
Der Lebensraum des Menschen auf der Erde ist überraschend begrenzt.
Teil 3: Perspektive
Blick aus der Umlaufbahn
Astronauten, die aus dem Weltraum zurückkehren, berichten alle vom Gleichen. Sie blicken aus einigen Hundert Kilometern Entfernung auf die Erde und sehen etwas, das von hier unten, von der Oberfläche aus, nicht sichtbar ist: wie dünn die Schicht des Lebens ist.
Die Atmosphäre erscheint als blauer Rand am Horizont des Planeten. Eine feine, zerbrechliche Linie, die das Leben vom Vakuum trennt. Edgar Mitchell, Astronaut der Apollo-14-Mission, sagte:
„Aus dieser Perspektive wird alles anders. Man sieht diese fragile Kugel des Lebens, die im Vakuum schwebt.“
Aus der Umlaufbahn wird klar: Wir leben nicht auf der Erde. Wir leben in der Erde — in einer dünnen Schicht, die sich an die Oberfläche legt wie Kondenswasser auf einer Glasscheibe.
Der Kampf um einen Bruchteil eines Bruchteils
Die gesamte Menschheitsgeschichte lässt sich als ein Kampf um die Kontrolle über Teile dieser dünnen Schicht beschreiben.
Große Imperien — das Römische Reich, die Mongolen, das Britische und das Osmanische Reich — kämpften um den Zugang zu Land, Ressourcen und Handelswegen. Kriege, Eroberungen, Expansionen, Kolonien. All das war ein Kampf um Fragmente desselben Raums — ein Viertelprozent des Planetenvolumens.
Staatsgrenzen, Wirtschaftszonen, umstrittene Gebiete — all das betrifft ausschließlich die Oberfläche von Land und Wasser, nur diese zugängliche Schicht. Niemand kämpft um die Kontrolle über den Raum 100 km unter dem Ozean oder 50 km über der Oberfläche. Denn dort kann man nicht leben.
Die gesamte Geopolitik ist ein Kampf um einen Bruchteil eines Bruchteils.
Deine Weltkarte
Vielleicht reist du viel. Vielleicht fliegst du mit dem Flugzeug. Vielleicht warst du auf mehreren Kontinenten. Vielleicht würde jemand über dich sagen: „Du kennst die Welt.“
Doch selbst wenn du 50 Länder besucht, Zehntausende Kilometer zurückgelegt und Ozeane, Berge und Wüsten gesehen hast — du hast dich immer noch innerhalb derselben dünnen Schicht bewegt. Du hast diese 6,5 Kilometer vertikalen Raums niemals verlassen.
Ein Flugzeug in 10 km Höhe? Das ist bereits außerhalb dieser Schicht — eine technologisch verlängerte Präsenz. Ein Tauchgang auf 30 Meter? Das ist eine Grenzerkundung, kein Leben.
Die ganze „Welt“, die du kennst, umfasst ein Viertelprozent des Planetenvolumens.
Die Frage nach der Zukunft
0,26 % sind nicht viel.
Die gesamte menschliche Zivilisation, alle acht Milliarden Menschen, alle Städte und Infrastrukturen befinden sich in einem Raum, der nur ein Viertelprozent des Planeten ausmacht. Der Rest ist für uns ohne Technologie unzugänglich — oder überhaupt nicht zugänglich.
Das ist keine pessimistische Bewertung. Es ist eine physikalische Feststellung.
Doch dieselbe Feststellung führt zu einer anderen Frage: Wenn auf der Erde nur 0,26 % zugänglich sind, ist die Expansion in den Weltraum dann vielleicht keine Fantasie — sondern eine logische Konsequenz?
Wenn wir mehr Lebensraum wollen, gibt es nur eine Richtung: nach oben.
Beginnen dort, jenseits dieser dünnen Schicht, Möglichkeiten, die wir uns auf der Erde nicht einmal vorstellen können
